Novalis, die erste

      ist heute erblüht. Sie trägt einen berühmten Namen, diese ätherisch-feine Rose. Ein Name, der mir zum ersten Mal begegnete in einer uralten abgegriffenen Kladde, in einem sog Reallesebuch, das ich auf dem Dachboden meiner Eltern fand – ein Schulbuch irgendeines Vorfahren. Dort habe ich zwischen Staub und Sommerhitze die ersten Sätze aus Heinrich von Ofterdingen gelesen und eben diesen geheimnisvoll klingenden Namen NOVALIS. Diesen Rosenstock habe ich vor einigen Jahren von meiner Freundin Petra bekommen, die einen Blumenladen betreibt und ausgebildete floristische Fachfrau ist, eine Blumeuse, sozusagen. Seitdem wächst er in meinen Garten und fühlt sich sichtbar wohl. Mit dem fortschreitenden Sommer werden die Blüten immer heller, blasser. Dann erinnern sie an verblichenes, brüchig gewordenes Papier und wirken in dieser Verletzlichkeit umso romantischer.  Der Dichter hätte seine wahre Freude daran:-) In die Vase stelle ich sie gerne neben eine ganz dunkle samtene David Austin Rose.

Novalis hieß im „richtigen Leben“ Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. Er war Sproß eines alten norddeutschen Adelsgeschlechts und lebte von 1772 bis 1801. Er wurde als zweites von elf Kindern geboren, bekam eine hervorragende Ausbildung und schloss 22jährig ein Jurastudium mit glänzendem Examen ab. Er hörte in Jena bei Schiller Vorlesungen in Geschichte woraus eine Bekanntschaft entstand, die in einer aufopfernde Freundschaft mündete, als Schiller erkrankte und der junge Hardenberg ihn pflegte.  Goethe, Herder, Ludwig Thieck, Jean-Paul, die Brüder Schlegel usw. gehörten ebenfalls früh zum Freundeskreis des jungen Mannes, allesamt zu dieser Zeit bereits Schriftsteller- und Dichtergrößen.

Georg Philipp Hardenberg war mit Sophie von Grünigen verlobt, die beiden begegneten sich als sie erst 12 und er 22 Jahre alt war und verliebten sich sofort ineinander. Bald galten sie als offiziell verlobt. Allerdings wurde Sophie schwer krank, musste mehrere operative Eingriffe über sich ergehen lassen und starb schließlich mit 15 Jahren qualvoll. Ihr Tod bedeutete einen tiefen Einschnitt in die Seele des jungen Mannes. Er studierte in Freiberg Bergwerkskunde, Mathematik und Chemie, eine Ausbildung, die in seiner Familie durchaus Tradition hatte.

1798 erschienen die ersten Publikationen von ihm, die er unter dem Titel Blüthenstaub zusammenfasste. In diesem Zusammenhang taucht auch zum ersten Mal der Künstlername NOVALIS auf. Er ist von einem alten Zusatz seines Familiennamens abgeleitet.  Der feinsinnig sensible Mann machte innerhalb kurzer Zeit eine Karriere im Bereich des Bergbaus, der zu dieser Zeit ein immer bedeutungsvollerer Wirtschaftsfaktor wurde. Er verlobte sich 1798 ein zweites Mal. Julie von Charpentier war die Tochter eines seiner Professoren. Mit 28 hatte er bereits eine Beamtenstelle inne, die in etwa mit einem heutigen Landrat vergleichbar war und einen ziemlichen Karriereschritt bedeutete. Privat war ihm das Glück viel weniger hold, denn zu einer Heirat würde es nie reichen. Viel Zeit war Novalis nicht beschieden.

Schon von Kindheit an mit einer anfälligen Lunge belastet, war er von keiner allzu stabilen Gesundheit. Heute geht man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass er unter Mukoviszidose litt, eine Krankheit, die damals noch unbekannt und nicht einzuschätzen war. Vermutlich hatte er sich bei der Pflege von Friedrich Schiller zusätzlich mit Tuberkulose angesteckt. Nach ca einem Jahr zunehmend schwerer Leidenszeit  starb der begabte Mann am 25. März 1801 mit nur 29 Jahren. Trotz allem hinterließ er eine beachtliche Menge an schriftlicher Werke, bei weitem nicht nur Herz-schmerzender romantisierender Natur. Er war eben, ähnlich wie Goethe, naturwissenschaftlich gebildet. Hätte er dessen stattliches Alter erreicht, würde sein Name vermutlich heute viel bekannter sein, als er es ist. 

Er war ein fleissiger, aber auch rastloser unruhiger Geist, ein kluger Kopf, vielseitig interessiert. Naturwissenschaft, Politik, Philosophie und Religion, Ästhetik, all das findet sich in seinen Schriften, v.a in seiner Prosa. In seiner berühmtesten, dem Roman Heinrich von Ofterdingen liegt auch der Ursprung der sog. blauen Blume verborgen. Die wurde zum Symbol schlechthin für die Zeit und Epochenbezeichnung der Romantik. Eines seiner Anliegen war, die Naturwissenschaft und die Poesie einander so nahe zu bringen, dass sie nicht mehr als unvereinbare Gegensätze, sondern als Verschmelzung wahrgenommen werden würde.  

Geschichte der Poesie

Wie die Erde voller Schönheit blühte,
Sanftumschleiert von dem Rosenglanz
Ihrer Jugend und noch bräutlich glühte
Aus der Weihumarmung, die den Kranz
Ihrer unenthüllten Kindheit raubte,
Jeder Wintersturm die Holde mied,
O! da säuselte durch die belaubte
Myrte Zephir sanft das erste Lied.

Eva lauschte im Gebüsch daneben
Und empfand mit Jugendphantasie
Dieser Töne jugendliches Leben
Und die neugeborne Harmonie,
Süßen Trieb empfand auch Philomele
Leise nachzubilden diesen Klang;
Mühelos entströmet ihrer Kehle
Sanft der göttliche Gesang.

Himmlische Begeistrung floß hernieder
In der Huldin reingestimmte Brust,
Und ihr Mund ergoß in Freudenlieder
Und in Dankgesängen ihre Lust,
Tiere, Vögel, selbst die Palmenäste
Neigten staunender zu ihr sich hin,
Alles schwieg, es buhlten nur die Weste
Froh um ihre Schülerin.

Göttin Dichtkunst kam in Rosenblüte
Hoher Jugend eingehüllt herab
Aus dem Äther, schön wie Aphrodite,
Da ihr Ozean das Dasein gab.
Goldne Wölkchen trugen sie hernieder,
Sie umfloß der reinste Balsamduft,
Kleine Genien ertönten Lieder
In der tränenlosen Luft.

Novalis 

„Ein Roman ist ein Leben als Buch.“ Novalis  

Elisabeth Eberle

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