Über mich

PAZIFISCHER OZEAN war mein erstes selbstentziffertes Wort. Es reichte über zwei große Seiten herrliches Blau in einem alten Atlas. 

Kaum zu glauben, aber als mein Vater ein Junge war, hat eine höhere Schule Geld gekostet. Als meine Mutter ein Mädchen war, zitterte man jeden Tag, wenn man ohne Hitlergruß die Schule überstehen wollte. Als ich ein Mädchen war, kam ich mit dem System nur schwer zurecht. Es bereitete mir wirklichen Kummer, mit naturwissenschaftlichen Leit- und Lehrsätzen einfach so operieren zu sollen ohne zu wissen, was für Menschen all die Newtons, Kopernikusse und Curies nun wirklich waren. Von Königen, Fürsten und allen selbsternannten Weltenlenkern ganz zu schweigen. Dazu Philosophen, Künstler und Theologen. Ein un-mögliches Unterfangen. Trotzdem habe ich es versucht. Ich wollte ergründen, um zu verstehen. Oft genug auch verzweifelt. Ein Teil meiner Herkunft ist jüdisch. Bücher waren in meiner Familie nicht nur grandiose Unterhalter. Sie waren auch ebenso grandiose Lehrmeister. Geduldige. Bei weitem nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz bildende.

 

Schon als Kind kam ich an keiner Buchhandlung vorbei, an keinem Zeitungsregal und auch nicht an Donald Duck, den Panzerknackern und Karl dem Kojoten. Dafür, dass ich meine letzte Schulprüfung mit einer Eins in Erdkunde ablegte, gab es nur einen Grund: Ich hatte mit dem Lehrer noch eine Rechnung offen: Ich wollte ihm einfach beweisen, dass der Stoff der letzten beiden Jahre trotz aller un-geografischer Bücher, die ich während des Unterrichts las an mir hängen geblieben war. Gefühlt hat in diesem Jahr kein Schüler so viel über die russische Baikal-Amur-Magistrale gewusst wie ich und ich könnte mich bis heute über die verblüfften Gesichter der beiden Vertreter des Regierungspräsidiums ausschütten.  Wir lebten ja weitab von Sibirien, im warmen und nicht ganz so wilden Westen.

Vom ersten Lesealter an hab ich in der Ortsbücherei halbe Nachmittage verbracht. Gemütlich war die nicht. Trotzdem vergaß ich die Zeit. Erst wenn geschlossen wurde war auch für mich Schluss. Später hatte ich einen exklusiven Platz in einer ganz anderen Bibliothek. In einer Wandnische, wo die Heizkörper endeten und der Schreibtisch der Leiterin stand. Hin und wieder habe ich in dieser Bibliothek sogar übernachtet, versehentlich. Mein Bett wäre nicht weit gewesen, denn sie befand sich in einem Internat.

Die Bibliotheksleiterin war schon älter, ein feines, hochgebildetes Wesen. Sie stammte aus einer Buchhändler-Dynastie. Von ihr habe ich nebenbei die Grundzüge des Buchhandels und Bibliothekswesens gelernt, nur so zum Spaß. Nichtsahnend, dass dies wenige Jahre später mein eigener Beruf werden würde. Ihr verdanke ich manches. Diesen warmen, geborgenen und dabei so reichlich unkonventionellen Platz hinter ihrem Schreibtisch. Wunderbare Unterhaltungen und trotz aller Intensität gepflegte Diskussionen über die Weltliteratur, meine bohrenden Fragen an die Deutsche Geschichte, an Martin Heidegger und Hannah Arendt, und warum mich As-Dur an Ockergelb denken lässt. Ich habe auf diesem halben Quadratmeter ganze Hausarbeiten gekritzelt. Und wenn mein Hirn nicht mehr funktionierte, fünf Seiten Werfel gelesen. Es könnten auch 35 gewesen sein. Doch Lesen ist nur das Eine … 

                                                                                           Ziemlich sicher seitdem ich weiß was es bedeutet, wenn Leute einen Stift in der Hand halten und lauter Striche, Schnörkel und Punkte am Stück hinterlassen, schreibe ich. Wenn es sein musste auch in Bilderbücher und Buchhaltungskladden von den Eltern. Ja, ich wollte eines Tages viele Bücher schreiben und Sachen-mit-Sinn-machen. Schön, dass Sie meine Seite gefunden haben! 

                                                  Schauen Sie sich um.