Person

"... ein Stück von mir"

Elisabeth Eberle1966, im November, in der Mitte eines Sonntags, bin ich geboren. Mein Bruder war zu diesem Zeitpunkt sieben, meine Schwester fünf Jahre alt.

Wir haben keinen Einfluss darauf wann und wo wir zur Welt kommen, bei wem wir aufwachsen und in welchen Zeiten wir leben. Trotzdem glaube ich, dass alles einen Sinn hat…

Mein Vater stammte aus dem Jahr 1910, ja, richtig. Nicht selten hielt man ihn für meinen Großvater. Mal lachten wir darüber, mal ärgerte es uns. Kein Vater unserer Freunde konnte so spannend aus vergangenen Zeiten erzählen wie der unsrige. Manchmal geschah es ganz zufällig, nach dem Abendbrot, und dauerte lange. Zuweilen saßen wir dabei im Dunkeln, und lauschten mäuschenstill. Oder wir lachten, bis sich die Balken bogen. Noch im fortgeschrittenen Alter lehrte er uns, wie man Dinge verändern und sich dennoch treu bleiben kann.

Meine Mutter, 16 ganze Jahre jünger als Vater, schmiss als junge Frau verschiedene Geschäfts- und Pfarrhaushalte, lernte dann den Hebammenberuf von der Pike auf und übte ihn mit Leidenschaft aus. Ein Berufsleben lang. Zuerst noch auf den Dörfern, später in den Kliniken. Offen, lernbereit, dem Leben zugewandt. Vor einigen Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen auf und veröffentlichte sie. Spannend, heiter, rührend, unfassbar manches. Im Herbst 2009 starb sie, friedlich, bei mir zuhause.

Warum erzähle ich das?
Geschichten - vom Leben eben - gehörten in meinem Elternhaus dazu. Wie die alleingebliebenen Tanten und die vielen Menschen, die da aus und eingingen. Dazu Musik, Bücher, lesen - letzteres Abende lang, Sonntage lang. Man musste früh lesen lernen, wenn man dazugehören wollte. Als wir älter waren, lasen wir halbe Nächte lang, bis eine Nachbarin den Eltern petzte, dass bei uns noch um drei Uhr das Licht brennen würde. Aber sie hatte die Rechnung ohne die Taschenlampe gemacht.
Bücher und Zeitungen öffneten die Welt. Unterhielten und lehrten. Machten glücklich und traurig. Regten zum Nachdenken an. Einen Fernseher gab es nicht. Zu manchen Zeiten fand ich mich deswegen peinlich altmodisch. Doch ich hatte eine Busenfreundin - mit Fernseher!!!

1984, nach dem Abschluss der Schulzeit, war ich etwas ratlos. Alles war überfüllt. Lehrbetriebe, Universitäten, Schulen.
Also: Praktikum. Ein Jahr Internatsschule. Ich lernte viel, vor allem nette Leute kennen, mit denen man Nächte lang diskutieren und ziemlich lange ausgehen konnte. Das liebe ich bis heute. Ich ergatterte eine begehrte Ausbildungsstelle im medizinischen Bereich. Aber es kam alles anders: Ich wurde selber krank. Ziemlich und lange. Kinderkrankheiten im Erwachsenenalter sind nicht zu empfehlen. Nach zwei Jahren war ich wieder voller Tatendrang und entdeckte einen "Buchberuf."

1991, als ich die Bibliotheksfachschule erfolgreich abgeschlossen hatte, kam die Stunde eines Prinzen. Er ist auch heute noch in mich verliebt. Nach Heirat und Umzug arbeitete ich im Fach- und Sortimentsbuchhandel, bis sich ein winziger Untermieter anmeldete.  Kaum war dieser aus der Wiege gezogen, lag über Nacht ein neuer drin. Seitdem werden sie beständig größer.

Schreiben...?, vermutlich seitdem ich einen Stift halten kann. Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich klein und dünn, auf Stuhl und Kissenberg, an Vaters Sekretär saß - und „schrieb“. Höchst konzentriert, mit Leidenschaft und triefender Nase.
Mit den Jahren formten sich kleine Geschichten heraus. Schneckengeschichten, festgehalten in abgelegten Schulheften der Geschwister. Schreiben konnten die auch. Von Zeit zu Zeit amüsiere ich mich köstlich mit ihnen, zum Beispiel über unsere frühen Notizen in Bilderbüchern.

Später schrieb ich Theaterstücke. Komödien. Aufgeführt wurden sie mit Freundinnen. Fragmente einer Erzählung landeten im Kaminfeuer. Das bedaure ich bis heute. Tagebücher aus den Jugendzeiten gingen irgendwann denselben Weg. Nicht bedauerlich.

Es folgten Balladen und Liedtexte. Einige wurden vertont und öffentlich gesungen. Manches liegt noch in Schubladen.

Aus einer Sammlung von Gedichten wurde 2000 das erste Buch: Himmelsrichtung.
Dann zwei Jahre Fernkurs beim Cornelia-Goethe-Institut: "Literarisches Schreiben“. Persönlicher Literatur-Oscar von der Lektorin. In dieser Zeit entstand auch der Entwurf für einen ersten Roman. PAULINA…Wohl nicht umsonst. Die Geschichte Paulinas enthält einen Teil meiner Herkunft - die jüdischen Wurzeln.

Franz Werfel schreibt in einem meiner Lieblingsromane, Der veruntreute Himmel, Nicht wir finden den Stoff, sondern der Stoff findet uns.

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